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Chinesische-Krebsdoerfer

“Krebsdörfer” als Schattenseite des chinesischen Wirtschaftsbooms

Chinesisches Umweltministerium räumt erstmals die Existenz von „Krebsdörfern“ ein

Die Wirtschaft Chinas floriert bekanntermaßen in beneidenswertem Umfang. Für die Bevölkerung bringt dies jedoch nicht nur Vorteile, sondern auch mitunter schwerwiegende Konsequenzen mit sich. Zahlreiche Regionen und Dörfer leiden unter dem Einfluss von Umweltgiften wie Blei und Pestiziden.

Im vergangenen Februar fand in China das übliche zweiwöchige Fest zum neuen Jahr statt, das mit einem Laternenfest seinen Abschluss findet. Dieses fiel 2013 weitgehend aus. Die Luftbelastung in Peking und zahlreichen Provinzen stieg zu diesem Zeitpunkt so stark an, dass die Behörden den Menschen empfohlen, zu Hause zu bleiben und nicht ins Freie zu gehen. Die Feinstaubbelastung stieg durch das Feuerwerk, das Hundertausende von Chinesen trotz der Warnung abbrannten, in astronomische Höhen. Zahlreiche Kinder und alte Menschen hatten mit Atem- und Kreislaufproblemen zu kämpfen.

Verseuchung von Luft, Wasser und Boden macht krank

China hat in diesen Tagen erstmals eingeräumt, dass es in dem riesigen Land massive Umweltprobleme, ja regelrechte „Krebsdörfer“ gibt, in denen ein großer Anteil der Bürger unter malignen Tumoren leidet. Nicht nur die Luftqualität lässt zu wünschen übrig, auch Trinkwasser und Böden sind vielerorts massiv durch Umweltgifte kontaminiert. Bereits seit zehn Jahren sprechen Umweltaktivisten von „Krebsdörfern“ in China. Erstmals gestand nun das chinesische Umweltministerium auch deren Existenz ein. In seinem Bericht zur „Risiko-Vorsorge vor chemischer Verschmutzung“ ist zu lesen, dass Chemiegifte die Trinkwasservorräte schrumpfen lassen und zu ernsten Umwelt- und Gesundheitsproblemen wie dem Auftreten von „Krebsdörfern“ führen.

Mahnende Stimmen von einflussreichen Chinesen wie dem Multimilliardär Ma Yun werden laut. Dieser äußerte öffentlich, dass in zehn Jahren wohl in jeder chinesischen Familie eine Person an Krebs erkrankt sein werde. Im März wird in China eine neue Regierung gewählt. Viele Menschen erhoffen sich davon eine Lösung der Umweltprobleme des Landes. Denn mittlerweile sind 247 Krebsdörfer auf der chinesischen Landkarte verzeichnet. Diese befinden sich in 27 verschiedenen Regionen des Landes. Nach Angaben chinesischer Medien sterben in China 1,4 Millionen Menschen pro Jahr an Krebs, der mittlerweile die häufigste Todesursache darstellt.

Chemieunfälle führen zu zahlreichen Protesten

Laut der Zeitung „National Business Daily“ werden in China über 40.000 chemische Mittel hergestellt oder eingesetzt, 3000 davon finden sich in der Auflistung gefährlicher Stoffe wieder. Ein Problem dabei besteht darin, dass unzählige Chemiebetriebe direkt an Flüssen angesiedelt sind. Durch Unfälle oder illegale Einleitung von Abwässern kommt es immer wieder dazu, dass Gifte in die Umwelt gelangen. Es sind jedoch aber auch vereinzelte Erfolge der Gegner der chemischen Industrie zu verzeichnen. In diversen Städten gelang es, die Neuansiedlung von Chemie-Werken zu verhindern. Fast 570 Umweltproteste zählte das chinesische Umweltministerium in den Jahren von 2008 bis 2011 – mehr als die Hälfte davon wurde durch Chemieunfälle ausgelöst. Im Februar wurde der Verdacht eines neuen, haarsträubenden Umweltskandals in China in den internationalen Medien laut. Diesen Berichten zufolge sollen Industriefirmen im ostchinesischen Weifang ihre Abwässer insgeheim tausend Meter tief bis ins Grundwasser hinein pumpen. Meldungen dieser Art sind im Hinblick darauf, dass in zwei Drittel der chinesischen Städte das Trinkwasser aus dem Grundwasser gewonnen wird, besonders erschreckend.

Elektroschrottdeponie neben dem Trinkwasser-Reservoir

Kürzlich wurde in einer Landgemeinde bei Peking eine illegale Mülldeponie mit großen Mengen Elektroschrott entdeckt. Diese liegt nur zwei Kilometer vom bedeutendsten Trinkwasser-Reservoir von Peking entfernt. Bereits vor drei Jahren hatte ein Dokumentarfilmer 500 illegale Müllkippen in und um die Hauptstadt Chinas entdeckt und noch weit mehr in dieser Region vermutet.

Auch von juristischer Seite gibt es Bestrebungen, sich gegen die massiven Umweltverschmutzungen zu wehren. Ein Anwalt der Stadt Peking forderte Ende Januar das Umweltministerium dazu auf, die Bürger über die Ergebnisse der landesweiten Bodenuntersuchung aus dem Jahr 2006 zu informieren. Die Antwort des Ministeriums: “Daten zur Bodenverschmutzung zählen zu den Staatsgeheimnissen”.

 

Foto: #2157380 Jean-Paul Bounine – Fotolia.com

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